Ein Beispiel-Übersetzungsprojekt
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Für Sie sieht es so aus: Sie geben uns einen Text und wir geben Ihnen den Text übersetzt zurück. Doch ganz so einfach ist es beileibe nicht. Warum, weshalb – und worin eigentlich unsere Arbeit besteht, das können Sie im Folgenden erfahren.

  • Der Beginn eines Übersetzungsprojektes

Dieser findet stets mit dem Original statt. Zunächst überprüfen wir die Vollständigkeit und Verständlichkeit der Unterlagen aus Anwender- bzw. Endkundensicht. Sind alle Unterdateien vorhanden, fehlen Bilder, stimmt das Inhaltsverzeichnis usw.? Eine wichtige Frage lautet, mit welchem Programm in welcher Version das Ausgangsmaterial erstellt wurde. Im Anschluss wird das Übersetzungsprojekt geplant. Wir hören Ihnen zu, sichten evtl. einige Beispieldateien und erstellen für Ihr Übersetzungsprojekt ein Konzept nach Maß. In Abhängigkeit vom Umfang und der Textart (technische Unterlagen, Rechtsverträge, Softwarelokalisierung usw.) bestimmen wir den nächstmöglichen Liefertermin.

 

  • Die Vorbereitung des Übersetzungsprojekts

Sofern der Kunde uns keine Projektdatei zukommen lässt, die er in einem Computer-Assisted Translation (CAT) Tool erstellt hat, entscheiden wir, welches Tool für die Übersetzung verwendet wird. Bei Locsoft arbeiten wir u.a. mit Déjà Vu, Trados, Transit, memoQ und Across. In unserem Beispiel-Übersetzungsprojekt wird illustrationshalber Déjà Vu benutzt.

Die zu übersetzenden Dateien müssen nun in dieses Tool „importiert“ werden. Je nach Format der Originaldatei muss diese zuerst in ein Format umgespeichert werden, welches von den CAT-Tools unterstützt wird. Zum Beispiel müssen FM-Dateien aus FrameMaker in MIF (Maker Interchange Format) umgespeichert werden. Beim Einlesevorgang in das jeweilige CAT-Tool werden die Texte mithilfe vordefinierter Trennzeichen (z.B. Punkt, Strichpunkt, Zeilenumbruch usw.) segmentiert. Hierbei gibt es viele Ausnahmen, z.B. Abkürzungen, welche manuell im CAT-Tool eingegeben und immer wieder aktualisiert werden müssen. 

dtp_segment

Anschließend muss die korrekte Segmentierung von einem Projektmanager überprüft werden. Die korrekte Segmentierung ist deshalb so wichtig, weil Sätze, die bei diesem Prozess fälschlicherweise in der Mitte getrennt werden, eventuell nicht korrekt übersetzt werden können, da die Satzstellung in Ausgangs- und Zielsprache häufig nicht übereinstimmt. Außerdem ist die Segmentierung für den nächsten Schritt äußerst wichtig:

 

  • Die Vorübersetzung

Für jeden unserer Kunden legen wir spezifische Datenbanken in allen gewünschten Zielsprachen an. Somit kann bereits Übersetztes in zukünftigen Projekten „wiederverwertet“ werden. Dies spart Geld sowie Zeit und gewährleistet die terminologische und stilistische Konsistenz in den verschiedenen Sprachen. Bevor der Projektmanager die Vorübersetzung startet, werden alle mehrfach vorkommenden Segmente gesperrt, sodass jeder Satz nur einmal übersetzt werden muss. Außerdem werden alle Segmente, die nur aus Zahlen bestehen, in die Übersetzungsspalte kopiert und gegebenenfalls angepasst (z.B. wird im Englischen in Zahlen immer dann ein Komma verwendet, wenn im Deutschen ein Punkt steht und umgekehrt). Falls der Kunde uns eine Datenbank mitschickt, wird zuerst mit ihr vorübersetzt. Im Anschluss erfolgt die Vorübersetzung mit unserer eigenen kundenspezifischen Datenbank. Das CAT-Tool erkennt 100%ige Übereinstimmungen und füllt die Segmente korrekt aus.

dtp_gesperrtseg

Liegen mehrere mögliche Übersetzungen vor, muss der Projektmanager diese überprüfen und sich für die im Kontext korrekte Übersetzung entscheiden. Die nicht zu 100% übereinstimmenden Segmente werden vom CAT-Tool vorübersetzt und als Fuzzy (engl. unscharf) markiert. Diese Fuzzies müssen dann vom Projektmanager überprüft und ggf. korrigiert werden. Stimmt die Segmentierung jedoch nicht, kann die Übersetzung in der Datenbank nicht gefunden werden.

 

  • Die Abgabe der Übersetzung an die einzelnen Übersetzer

Der Projektmanager verteilt nun die noch ausstehende Übersetzung an die Übersetzer. Es wird, wenn möglich, für jeden Kunden immer der/dieselbe Übersetzer/in gewählt. Arbeiten die Übersetzer mit Déjà Vu, erhalten sie eine Projektdatei, und ansonsten eine Word-Datei, die entweder direkt übersetzt oder in ein anderes CAT-Tool importiert werden kann.

 

  • Die Übersetzung in den Zielsprachen

Die Übersetzer arbeiten jeweils an der in Spalten unterteilten Datei mit dem Quell- und Zieltext, in der die Vorübersetzung bereits eingetragen ist. Für die Übersetzung werden die von Locsoft bereitgestellten Datenbanken und je nach Kenntnisstand und Fachgebiet des Übersetzers Fachwörterbücher sowie Online-Lexika benutzt. Auf diese Weise wird eine konsistente Terminologie des Textes sichergestellt. Am Ende der Übersetzung werden Orthographie und Zahlen überprüft. In Abhängigkeit von dem erwünschten Maß an Qualitätssicherung wird der übersetzte Text dann von Dritten gegengelesen. Wird z.B. ein Anwenderhandbuch einer komplizierten medizinischen Apparatur wie einer MRT-Vorrichtung übersetzt, erfolgt das Kollationieren auf Wunsch durch qualifizierte Medizintechniker oder Fachärzte, um eine präzise Übersetzung zu gewährleisten.

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  • Die Nachbearbeitung des Übersetzungsprojekts

Der Übersetzer schickt die fertige Übersetzung an den Projektmanager. Dieser muss nun die leeren (doppelt vorkommenden) Segmente in Déjà Vu ausfüllen. Anschließend werden alle Zahlen und Codes (diese repräsentieren Formatierungen in den Source-Dateien und müssen in der Zielsprache an der entsprechenden Stelle stehen) überprüft. Außerdem werden überflüssige Leerzeichen, falls vorhanden, entfernt und die Satzzeichen überprüft. Im Französischen steht beispielsweise ein geschütztes Leerzeichen vor allen „doppelten“ Satzzeichen (; : ? !) und im Chinesischen ist der Abstand hinter den Satzzeichen bereits im Satzzeichen integriert, sodass danach kein Leerschlag mehr vorhanden sein darf. Der Projektmanager muss dann noch überprüfen, dass mehrfach vorkommende Sätze nicht unterschiedlich übersetzt sind, und führt zum Abschluss noch einen Terminologie-Check durch.

 

  • Umwandlung des Projekts in Zieldateien

Dann werden die übersetzten Dateien „exportiert“. Der Projektmanager bereitet nun die Dateien für den Kunden auf. Er überprüft die Texte auf Vollständigkeit und richtige Formatierung und speichert die Dateien gegebenenfalls wieder in das Format der Source-Dateien um (z.B. MIF wieder in FM).

 

  • Das Desktop-Publishing [DTP]

Für das DTP wird zunächst häufig eine andere Schriftart gebraucht, um den Zeichensatz der Zielsprache, z.B. das Chinesische, überhaupt darstellen zu können. Hier lauern bereits die ersten Stolpersteine. Zwar lassen sich die für das Deutsche verwendeten Schriftarten (z.B. Helvetica) problemlos gegen vereinfachtes Chinesisch (z.B. SimSun) austauschen. Sind jedoch bestimmte Sonderzeichen wie Pfeile oder Kreise ebenfalls in Helvetica gesetzt, werden diese im Chinesischen häufig durch gänzlich anderes ersetzt und müssen im eigentlichen DTP-Arbeitsgang  wieder umformatiert werden. Zusätzlich muss im Beispiel von FrameMaker in den oben erwähnten MIF-Dateien die Spracheinstellung auf Chinesisch abgeändert werden und sämtliche deutschen Worte, die in Absatzformaten verwendet werden, sind zu ersetzen. Da in diesem Programm ein Handbuch üblicherweise aus vielen einzelnen MIF-Dateien, den im Buch verwendeten Bildern und aus einer die Reihenfolge festlegenden zentralen Steuerdatei besteht, können bereits diese vorbereitenden Aufgaben zeitraubend ausfallen.

Nach diesen Vorbereitungen beginnt die eigentliche Arbeit. Wie lange sie dauern wird, hängt vor allem von einem Faktor ab: dem Unterschied in der Länge zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache. So ist das Deutsche trotz seiner Komposita in etwa 5-10% länger als das Englische, Französisch ist etwa 5% länger als Deutsch, Türkisch wesentlich kürzer usw. Da das Chinesische deutlich kürzer als Deutsch ist, müssen in diesem Fall nicht mühsam Schriftgrößen prozentweise verringert, die Schrift gestaucht, Abstände zwischen den Absätzen verringert und Tabellen zusammengeschoben werden. Auch entfällt die mühsame Bearbeitung der Beschriftung von Grafiken, die umgestellt oder anderweitig in der Grafik angeordnet werden muss. Besonders tückisch bei FrameMaker ist der Umstand, dass das Programm nicht darauf hinweist, wenn der Text aus dem Grafikrahmen heraus läuft.

dtp_errors

All diese Probleme werden in unserem Fall kaum auftauchen. Dafür begegnen wir dem oben erwähnten Problem, dass Absatzsymbole wie Pfeile und selbst einfache Gedankenstriche durch andere Zeichen (oder, noch schlimmer, durch gar nichts) ersetzt sind und korrigiert werden müssen. Außerdem müssen die abweichenden Satzzeichen mit den integrierten Leerräumen berücksichtigt werden.

Zusätzliche Schwierigkeiten beim DTP können auch durch fehlende Grafiken entstehen, die der Kunde beispielsweise geändert, aber vergessen hat mit zu übermitteln. Mitunter möchten sich Kunden den Upload der Grafiken auch gänzlich ersparen. Das Problem: Läuft eine übersetzte Grafikbeschriftung in den grauen Kasten, der statt des fehlenden Bilds dargestellt wird, ist nicht zu erkennen, ob die Schrift ausgefüllte oder nicht ausgefüllte Bildbereiche überdeckt.

Ein weiteres chronisches Problem sind die Querverweise. Wird die verwendete Sprache im Dateinamen berücksichtigt (abc123_de.fm bzw. abc123_zh.fm), müssen die Querverweise notwendigerweise ins Leere laufen und korrigiert werden. Schwierig wird es auch dann, wenn das Format anders ist. Da die „S.12“ im Chinesischen anders übersetzt wird, stimmt das Querverweisformat nicht mehr und führt zu Fehlern.

Die Abschlusskontrolle erfolgt mit PDF-Ausdrucken, in denen keine Steuerzeichen mit ausgedruckt werden, während die Korrektur natürlich weiterhin in FrameMaker geschieht. So braucht es für das DTP viel Konzentration und ein besonderes Auge, um Abweichungen und Unterschiede zwischen Quell- und Zieldokument zu erkennen.

 

  • Die Qualitätssicherung

Die Qualitätssicherung von Texten erfolgt je nach Einsatzgebiet in verschiedenen Gütegraden. Zusätzlich zur Kontrolle durch den Übersetzer und den Projektmanager können weitere Übersetzer oder andere Fachleute (z.B. qualifizierte Onkologen im Fall von z.B. Handbüchern von Bestrahlungsgeräten) hinzugezogen werden. Näheres zur Qualitätssicherung finden Sie hier.

 

  • Pflege der Datenbanken

Nachdem ein Übersetzungsprojekt abgeschlossen ist, wird es in der kundenspezifischen Datenbank für die jeweilige Sprache abgespeichert, sodass es für zukünftige Projekte wiederverwendet werden kann.